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Fabric 36

Alexander Vieß, 8. Oktober 2007 - 10:10

Veröffentlicht am:
08.10.2007
Ricardo Villalobos: Fabric 36

Ricardo Villalobos ist einer der umtriebigsten und am meisten auch außerhalb der Technoszene wahrgenommenen Produzenten elektronischer Musik. Pitchfork, das größte und bekannteste redaktionelle Rezensionsportal im Internet, das sich immer wieder den Vorwürfen stellen muss, zu schlecht zu bewerten, gibt mal eben eine an die Höchstwertung heranreichende Punktzahl. Wire, das wichtigste britische Musikmagazin hebt ihn auf sein Cover und hierzulande ist der in Berlin lebende Chilene ohnehin omnipräsent in der Presse und den Clubs. Zugleich entwickelt sich Villalobos Ansatz immer mehr weg von seinen ersten Platten, die noch sehr einfach als schneller und harter aber dennoch minimaler Techno zu erkennen waren. Sein vor kurzem erschienener Remix von Shackletons Dubstep-Track »Blood On My Hands« wurde schon bevor ihn irgendjemand auch nur gehört hatte zur Single des Jahres hochgeschrieben. Das konnte »Blood On My Hands« dann zwar nicht halten aber wenn wir in fünf Jahren nicht mehr zwischen Techno und Dubstep unterscheiden können, wissen wir, wem wir es zu verdanken haben.

Villalobos hat Spaß am Verschieben von Grenzen und Hörgewohnheiten. Seine im letzten Jahr veröffentlichte Single »Fizheuer Zieheuer«, die einen im besten Sinne verschroben-skelettierten Beat auf vom Volksfest entliehene Hornbläser treffen ließ, brachte es auf stolze 37 Minuten Laufzeit und wurde – dennoch oder gerade deswegen? – zum Hit. Man kann Villalobos Interpretation des Berliner Minimal-Techno nur verstehen, wenn man den Freuden des Repetitiven erliegen kann. Die Konstante in Villalobos Stücken sind nicht die polarisierenden Soundideen sondern die Dehnung von Zeit.

Die ursprüngliche Idee der Minimal Music – winzige Verschiebungen innerhalb eines recht starren Soundgefüges, die sich mit polyrhythmischen Patterns verbinden – scheint längst nicht mehr maßgebend. Schaut man sich auf einschlägigen Mailorder-Seiten im Internet um oder besucht seinen Plattenhändler und stöbert dort im Minimal-Fach, findet man eine unüberschaubar große Bandbreite an Musik zwischen (Neo-)Trance und minimalistischem Techno detroiter Prägung. Musiken, die kaum vereinbar scheinen. Villalobos nun stellt sich mit seinem Entwurf klar gegen die süßlichen Klänge des Zuckerwattetechno und veschließt sich zugleich den roughen, an Detroit angelehnten Formen. Vielleicht ist »Filigranität« das Wort, das am ehesten zutrifft.

Eindrücklich zeigt das Villalobos neue, soeben auf dem Label des Londoner Clubs »Fabric« erschienene und ebenso betitelte Album. Fabric gibt eine Mix-Compilation-Reihe heraus, zu der bereits so gut wie alle großen Namen des zeitgenössischen Techno ihren Mix beigesteuert haben. Villalobos ist der erste Künstler dieser Reihe, der seinen Mix komplett mit eigenen, zuvor unveröffentlichten Stücken gestaltet, de facto also ein neues Album herausbringt. Und was waren die Hoffnungen groß, die Lobhudeleien schon ungezählt, bevor auch nur ein Ton des neuen Werks zu vernehmen war. Seit fast zwei Jahren flüsterte man sich Namen von Mitmusikern zu, hob immer wieder die Form der Veröffentlichung als Mix hervor (dazu später mehr) und machte Villalobos mal eben zum Säulenheiligen des Techno, ach was, der elektronischen Musik überhaupt.

Nun ist die CD erschienen und was soll ich sagen? Zumindest dieses Jahr rettet es den Techno für mich. Das sich totzufahren drohende Minimal-Einerlei von tausendundeinem Kleinst-Label, deren Produzenten die immer gleichen Presets und Plugins nutzen, das stets ermüdend perfekt produzierte Soundgewand ohne, Achtung, Binse!, Ecken und Kanten, all das wird durch »Fabric« vergessen gemacht. Organischer kann Techno kaum noch werden.

Und das liegt nicht zuletzt an der Art, wie Villalobos Codes und Strukturen anderer Musiken in seinen Sound inkorporiert. Interessanterweise geht er dabei tatsächlich weniger zitierend als vielmehr verwandelnd vor. Die »ethnisch« anmutenden Drums in »Andruic and Japan« beispielsweise sind Störgeräusche insofern, als sie den Rhythmus des Beats aufbrechen und zugleich die Lyrics des Songs auf vortrefflichste illustrieren, nur um einen Moment später wieder völlig im Beat aufzugehen. Oder das Finale des Albums, in dem aus chilenischen Protestsongs gesampelte Chöre den Wahnsinn und das Selbstvergessene einer durchgetanzten und -schwitzten Nacht spürbar machen, um schließlich zu geloopten Soundstrukturen zu werden, die das Album langsam ausfaden lassen. Die Nacht legt ihren Vorhang über uns und Villalobos spielt dazu den Soundtrack.

Dabei orientiert sich Villalobos Minimalismus an dem ursprünglichen Gedanken der Minimal Music, wie sie von Steve Reich oder Terry Riley verstanden wurde. Die in deren Musik stark verankerten afrikanischen und asiatischen Einflüße finden sich nicht nur auf »Fabric« immer wieder. Das ist von der eurozentrischen Begeisterung für Ethnokitsch (»Weltmusik«) als abseitiges Element der hiesigen Popkultur genauso weit entfernt wie von »typisch deutscher« Minimal Music z. B. des Labels M_nus, dessen Veröffentlichungen sich eher an der Kraftwerk’schen Kälte orientieren und bewußt anorganisch wirken.

Die Form des Albums, also die Veröffentlichung als Mix ist nicht so innovativ wie uns das gern glauben gemacht wird, ineinander gemixte Songs eines Albums hat es auch schon vorher gegeben. Und doch geht Villalobos hier einen Schritt weiter: Hört man sich die ersten und letzten zehn Sekunden eines Tracks an, so treten mit dem Sprung auf die folgende Titelmarke zwar mal neue Drums, mal neue Medlodiefetzen ins Geschehen. Die vorangegangene Soundidee wird aber nicht fallengelassen, nichtmal ausgeblendet sondern vielmehr ins neue Geschehen überführt. Wer sich die CD anhört ohne einen Blick auf die Anzeige des CD-Players zu werfen wird keine Titelsprünge bemerken. Alles ist Fluß. Und das ist dann für die Form des Albums halt doch eine Besonderheit, denn Hits , also die fürs Geschäft so wichtigen Singles, lassen sich hier keine ausmachen. Höhepunkte dafür gibts en masse, seien es die dreißig Sekunden in der Mitte des bereits erwähnten »Andruic and Japan«, die mit immer mehr Echo angereicherte Synthie-Linie in »Mecker« oder die sich runterpitchende Bassline in der achten Minute von »Primer Encuentro Latino-Americano«.

Villalobos’ »Fabric 36« wird wiedermal ein Love-it-or-hate-it-Ding werden. Die einen werden sich über die spinnerten Ideen aufregen, die anderen, und dazu – das mag man gemerkt haben – gehöre ich, gerade diese zu schätzen wissen. An einem wird das aber nichts ändern: Wer sich im Jahre 2007 für elektronische Musik auch nur im weitesten Sinne interessiert, kommt an dieser Platte nicht vorbei.

 

[Noch eine Anmerkung: Für gewöhnlich laufen bei uns drei Titel der jeweiligen Platte der Woche in der Heavy Rotation, das heisst, ihr könnt sie häufiger hören als den Rest unserer Songs. Bei dieser Platte machen wir eine Ausnahme. Drei Stücke aus einem Album zu nehmen, das wie wenige andere von seiner Repetivität und seiner Laufzeit lebt, würde weder dem Album noch Euch als Hörer gerecht. Geht vor Eure Tür und hin zu TamTam, setzt Euch auf einen Kaffee an die Theke und lasst euch von Lota die Fabric vorspielen. Und dann … kauft das Dingen.]

 

Text: Alexander Vieß

Monat:
2007/41
Label:
Fabric (London)
Artist:
Ricardo Villalobos
Tracks:
  1. Groove 1880
  2. Perc And Drums
  3. Moongomery
  4. Farenzer House
  5. M.Bassy (w/ Patrick Ense)
  6. Mecker
  7. 4 Wheel Drive (w/ Jorge Gonzales)
  8. Fizpatrick (w/ Patrick Ense)
  9. Andruic & Japan (w/ Andrew Gillings)
  10. Organic Tranceplant
  11. Prevorent
  12. Fumiyandric 2 (w/ Fumiya Tanaka)
  13. Won’t You Tell Me
  14. Primer Encuentro Latino-Americano
  15. Chropuspel Zündung
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