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Kirchweih
Seit Jahren beklagen die christlichen Kirchen einen stetigen Mitgliederschwund. Die Alten sterben langsam weg, die Jungen treten scharenweise aus oder gar nicht erst ein. Zwischendurch hat man mal versucht, durch Kirchenraves – eine Art Eventgottesdienst – verlorenen Coolnessboden wieder gutzumachen. Allein, geholfen hat’s wenig.
Die Franzosen von Justice stellen sich da cleverer an, schleppen allerdings auch weniger historisch-theologischen Ballast mit sich herum. Nehmen einfach das werbetechnisch Beste aus der Kirche, das Kreuzsymbol, schieben es auf die Bühne, stellen sich mit einer Batterie Computer und Turntables daneben und lassen sich von ihren Jüngern mit in die Höhe gerissenen Armen als Erlöser huldigen. Dazu erklingen jubilierende Daft-Punk-Synthesizer aus deren „One more time“-Phase, die kurz darauf von hoffnungslos übersteuerten Schredderbeats kurz und klein geschlagen werden. Da wo einst bei jeder amtlichen Rockkapelle die Gitarre an der Verstärkerwand in ihre Einzelteile zerlegt wurde, wütet heute Elektro mit verzerrten Gitarren und brachialem Bratzen. Justice richten aber nicht allein mit Härte, sondern mit einer guten Portion Funk und Popappeal. So ist zwar „Waters of Nazareth“ ein Brett, bei dem jeder Club niederkniet, dafür klingt „D.A.N.C.E.“ mit seinem Kinderchor wie weiland die Jackson 5. In „Tthhee ppaarrttyy“ schießt Ed-Banger-Labelkollegin Uffie ihre Portion Lolita-Sex hinzu und „DVNO“ endet in einem extrem funky Slapbass-Solo.
Mit eingeplant im Konzept sind Fehler in der Musik. Da wo viele Minimal-Techno-Produktionen versuchen, möglichst clean zu klingen, bleiben Justice schön verschwitzt-dreckig. Die Tracks holpern als ob die CD Sprünge hätte, streuen Störgeräusche ein, die wahlweise nach Tinnitus oder verendenden Boxen klingen, kippen weg, rappeln sich wieder auf, taumeln besoffen um die eigene Achse, um dann schnurstracks grölend in die nächste Bar einzufallen. Passend dazu gibt’s Ed-Banger-Aufnäher für die Kutte. Kann man sich dann neben den „Ace of spades“-Gedächtnisaufnäher aufbügeln. Und die Kirchen? Hätten mit "Let there be light" und "Waters of Nazareth" zwar eventuell die Christmette wieder voll, danach aber wahrscheinlich keine Fenster mehr im Rahmen.
Text: Harald Jakobs