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Am Ende des Jahres kommen zunächst nur noch Compilations und Weihnachtsalben heraus, dann schließlich gar nichts mehr. Man ist ja auch kaum mehr rezeptionsfähig für Neues, wo das Jahr doch fast rum ist. Aus diesem Anlass gibt es auch aus der Musikredaktion vom Hochschulradio nichts Neues, sondern einige Sachen, die schon älter sind, in diesem Jahr aber noch Erwähnung finden sollten. Platten, die eigentlich Platte der Woche hätten sein sollen, wenn nicht die Konkurrenz zu groß gewesen wäre oder wir zu spät bei der Entdeckung.
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28.3.2008: The Black Keys – Attack & Release

The Black Keys sind bekannt als eine DIY-Bluesrock Band, die sich eigentlich sehr konservativ gegenüber fremden Einflüssen verhält und daher auch bis dato ziemlich altbacken, trotzdem aber nicht schlecht klang. Wer ihre alten Werke kennt wie „Magic Potion“ (2006), weiß, wie sperrig diese Band klingen kann, und wenn man kein Bluesrock Fan ist, konnte man eben mit diesem Album, welches von der Fachpresse ein positives Echo einpfing, nicht viel anfangen.
Und umso erstaunlicher, dass Sänger/Gitarrist Dan Auerback und Schlagzeiger Patrick Carney für ihr fünftes Album „Attack & Release“ die Gnarls Barkley-Häfte Danger Mouse mit ins Boot holten. Wer hier Crossover-Musik erwartet im Stile von Limp Bizkit oder Linkin Park, der irrt sich aber gewaltig: Das Blues-Grundgerüst bleibt den Schwarzen Tasten erhalten und wird um einige Nuancen aufgepeppt. Das Ergebnis: Eine Frischzellenkur des Bluesrocks. Mal psychotisch, mal melancholisch, mal schlurfend und mal Häuser am abreissen, aber niemals langweilig.
Leicht macht das Duo einem den Einstieg aber doch nicht: Mit der Einleitung „All you ever wanted“ schlurft der Track über zwei Minuten bis die Orgel einsetzt und die Platte endlich in Fahrt kommt. Dem folgt „I got mine“, welches kracht, dem Rocker der 70er Hunger auf mehr macht und über den etwas anstrengenden Song „Strange Times“. Dem folgt aber das großartige „Psychotic Girl“, welches mit seinem Banjo und seinen geisterhaften Backgroundsängern eine so dichte Atmosphäre erzeugt, dass einem der Angstschweiß über den Rücken laufen könnte.
Wer diese ersten 4 Tracks schon hört, dem wird der diese Platte packen und man will sie zu ende hören. Wermutstropfen: Die Platte ist nur 40 Minuten kurz.
(Alper Kurtoglu)
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2.5.2008: Guillemots – Red

Die Guillemots sind benannt nach einem Seevogel, der auf Deutsch Trottellumme heißt. Frontmann Fyfe Dangerfield spielt meistens Klavier, Bassistin Aristazabal Hawkes bevorzugt die klassische aufrecht stehende Variante ihres Instrumentes. Das Debutalbum “Through the Windowpane” 2006 fängt mit einer Minute Streichensemble an und handelt dann im gleichen Song vom Sternbild des Kleinen Bären.
Man ist Feingeist und Romantiker – hat aber auch Schlagzeuger Greig Stewart in der Band und Gitarrist MC Lord Magrão, der seine Saiten manchmal mit Schraubenziehern spielt. Auf “Red” kommt die ohnehin eklektische Truppe daher im basisdemokratischen Prozess dazu, den jugendlichen Eifer einer prä-apokalyptischen Zeit in energische Beats und entschlossene Verzerrung umzusetzen. Alles auf Rot eben.
Zwar gibt es nach wie vor ruhige Passagen, aber eben eher als gespannte Pausen zwischen dem großen Aufgebot aus zerschnittenen Orchestern und Synthesizern, die gegen brachiale 4/4-Takte anspielen. Neben Drum Machines und Vibraphonen. Und manchmal schließt sich ein Kreis: You're not dying now, the sky has just moved close to us tonight. Wenn irgendjemand das Prädikat Melodramatic Pop Song verdient hat, dann die Guillemots. Eine Band, die sich viel vorgenommen hat und dabei gut ist.
(René Finken)
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16.5.2008: Jackson Conti – Sujinho

Wie jedes Jahr haben auch 2008 wieder zahlreiche musikalische Projekte an denen sich Madlib beteiligt hat das Licht der Welt erblickt. Unter den geschätzten 20 Veröffentlichungen befindet sich auch Sujinho, das zwar wenig Beachtung in den Medien fand, aber wenn es doch irgendwo besprochen wurde, dann wurde es in den Himmel gelobt.
Als Madlib vor einigen Jahren die Möglichkeit bekam im Rahmen des Keepintime Projekts mit nach Brasilien zu reisen, sagte er erst nach einigem zögern zu. Dort angekommen wurde dann zusammen mit einigen Freunden und traditionellen brasilianischen Musikern zusammen das Brazilintime Projekt verwirklich. Gleichzeitig entdeckte er neue Facetten der brasilianischen Musik die ihm sehr zusagten. Als er wenig später Brian Cross, dem Labelinhaber von Mochilla offenbarte, dass er großer Fan der Band Azymuth sei, setzte Cross alles daran den Drummer der Band Ivan „Mamão“ Conti für eine Zusammenarbeit mit Madlib zu begeistern. So entstand das Projekt Jackson Conti.
Das Album verbindet die brasilianische Popmusik, wie sie Azymuth Ende der 70er machten, bevor sie in die USA übersiedelten, mit dem verspielten, von Jazz, Soul und Funk geprägten Ansatz von Madlib. Dabei assoziiert man viele Stücke mit den frühen Yesterdays New Quintet Produktionen mit denen Madlib 2001-2004 auf sich aufmerksam machte. Die meisten Stücke haben einen typischen Session-Charakter, das heißt sie sind ungezwungen und zum Teil wohl auch improvisiert.
(Peter Merk)
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27.6.2008: Hellsongs – Hymns in the Key of 666

Cover-Songs sind in der Regel ein Ärgernis, ein ganzes Album mit Cover-Songs umso mehr, ist es doch nur allzu häufig ein eindeutiges Indiz für mangelnde eigene Kreativität. Und was soll man nun davon halten, wenn eine Band gleich ihr Debüt-Album ausschliesslich mit Cover-Songs vollpackt ? Man darf begeistert sein.
Begeistert von dem schwedischen Trio Hellsongs und ihrem Debüt-Album, das augenzwinkernd "Hymns In The Key Of 666" betitelt wurde. Denn hymnenhaft ist es ganz sicher nicht, und teuflisch geht es auch nicht zu, wenn sich Hellsongs an Titeln von Megadeth, Iron Maiden oder Metallica vergreifen. Das wiederum ist nicht überraschend, wenn sich Künstler nicht-metallischer Stilrichtungen an eigenen Interpretationen von Metal-Songs versuchen, wie es Hellsongs mit ihrem Singer/Songwriter-Stil mit Akustik-Gitarre, Keyboard und Gesang tun. Während andere Künstler sehr häufig auf die Original-Kompositionen nahezu 1:1 zurückgreifen und lediglich den stilistischen Charakter des Songs verändern, so dass meist bereits nach den ersten Takten klar wird, welcher Song hier gecovert wird, basteln sich Hellsongs lieber komplett neue Songs. Alle charakteristischen Grundzüge des Originals werden verworfen und lediglich die Lyrics des Originals übernommen. So findet man sich ständig in einer fröhlichen, kuschligen oder verträumten Welt wieder, in der ein liebreizender Gesang von rollenden Köpfen oder sadistischen Ritualen erzählt. Das erzeugt (bei mir) gleich ein Schmunzeln im Gesicht, und einem Metal-Fan wohl gleich doppelt, sobald er den Ursprung des Songs anhand des Gesangs wiedererkennt.
Auch die Auswahl der Songs bzw. Lyrics muss man der Band positiv anrechnen. Hier wird nicht auf Songs zurückgegriffen, die jede drittklassige Schüler-Coverband im Programm hat oder die jeder Dorfdisco-Gänger in- und auswendig kann und, die entsprechend schon zigtausendmal in Cover-Songs verwurstet wurden. Hellsongs gehen über die "Schmerzgrenze" des Durchschnitts-Rockhörers hinaus, bieten Versionen von Slayer, Metallica (mit dem vergleichsweise unbekannten "Blackened") und Iron Maiden und zollen so der breiten Masse eher unbekannteren Songs Tribut.
Zusammenfassend lässt sich sagen: "Hymns In The Key Of 666" ist in gewisser Hinsicht zwar als Cover-Album zu bezeichnen, besitzt aber aufgrund der neuen Kompositionen einen so hohen Originalitätsfaktor, dass man darüber getrost hinwegsehen kann. Noch nie liess es sich zu Texten von Megadeth, Slayer und Metallica besser kuscheln als auf diesem Album. Das perfekte Album für besinnliche Feiertage, das Oma, Mutter und den kleinen Metaller gleichermaßen zufrieden stimmt.
(Andreas Holzapfel)
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10.10.2008: Chill Carrier – Awakening

Diese Chill-Out-Platte ist für mich die Entdeckung des Jahres in Sachen freier Musik. Harmonische Soundscapes mit kraftvollen Rhythmen und druckvollem Bass finden sich hier vereingt mit fließenden Melodien, die zum Nachdenken, Entspannen und Erholen einladen.
Genretypisch sind die Stücke öfters etwas länger, jedoch nie langweilig. Man gleitet einfach dahin und es finden immer kleine Veränderungen statt, die den Song Stück für Stück aufbauen und einen sanft auf eine (Traum-)Reise entführen. Alle Songs sind absolut Lounge- und Space-Night-tauglich, professionell produziert und sauber arrangiert. Also unbedingt Reinhören.
Sebastian Kretzschmar ist seit 2003 in Chemnitz als "Chill Carrier" (http://www.chillcarrier.de/) aktiv. Seine Tracks bastelt der 28-jährige bevorzugt mit Buzz, nachdem er vorher mit FastTracker II einen fast klassischen Werdegang innerhalb der Netaudio-Szene genommen hatte. Neben "Chill Carrier" released Sebastian experimentellere Stücke unter dem Pseudonym "c. bass t.n." und dunklerere, EBM-beeinflußte Tracks neuerdings als "somnus letalis".
(Jan Simons)
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27.10.2008: Deerhunter - Microcastle / Weird Era Continued

Ist da wirklich ein Klavier? Spielt es auch tatsächlich die Melodie, die gerade in meinem Kopf umhergeistert? Sie würde doch so wunderbar zu dem Klangschauer passen, der im Vordergrund niederprasselt. Oder sind das alles nur Gespinste meiner Phantasie? Ich horche noch einmal genauer hin beim Song "Neither Of Us, Uncertaninly" und stelle mit Entzücken fest, dass alles so klingt, wie ich es mir wünsche. Vielleicht entspringt dieser vermeintliche Wunsch aber auch nur meinem Unterbewußtsein, das schon längst die Gesamtheit des Songs erfasst hat, und nach und nach meinem Bewußtsein verrät, was da noch alles drinsteckt. Auch der summende Gesang im Hintergrund von "VHS Dream" erfüllt solch einen Wunsch.
Deerhunter spielen meisterhaft mit der Positionierung der Instrumente und des Gesangs hinter- und nebeneinander. Dabei gehen sie sehr behutsam vor und bedienen sich einer feinen Dosierung, um Ihre Musik niemals zum Brei verkochen zu lassen. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit elektronische Helferlein zum Einsatz kommen, doch ich könnte mir vorstellen, dass Deerhunter einfache Effektgeräte reichen. Umso erstaunlicher, dass das Produkt so präzise ist; alle Spuren der Instrumente bleiben auf diesem Doppel-Album verfolgbar. Solch atmosphärische Stimmungen wie in den Titeln "Cicadas" und "Activa" habe ich in letzter Zeit eher als elektronische Konstruktionen wahrgenommen; bei Deerhunter bewahren sie durch die organische Komponente eine federne Leichtigkeit und wirken einen Tick weniger erdrückend.
Insgesamt erfüllt das Album nach dem Einschalten schon mit dem ersten Stück den Raum mit einer gewissen Dunkelheit. Es hat seine sachten Passagen wie im Stück "Microcastle" wo der sanfte Gesang und der Bass flirrende Wärme ausströmen lassen, es kann aber auch schnell in ein Gewitter umkippen. "Little Kids" ist was zum Mitwippen, aber "Never Stops" nötigt fast schon zum Kopfwirbeln. Indem das Keyboard von "Nothing Ever Happened" zum Ende hin völlig ausflippt, lockert es umgemein auf, und beugt somit einem Gefühl von Enge vor, das sich sonst vielleicht mit der Zeit breitmachte. Das Album verharrt für dreieinhalb Minuten mit dem Titel "Slow Swords", in dem ein großer Hauch an Psychedelik aufgeht. Den Kracher des Albums stellt für mich definitv "Operation" dar; ein klar strukturierter Song, der mit Dampf aus den langsamen in die treibenden Teile wechseln kann und für viel Schwung sorgt.
Das Doppel-Album lässt sich wunderbar von Anfang bis Ende durchhören. Und spätestens bei "Saved By old Times" leuchten Parallelen zu Musik aus den Sechzigern auf. Angestaubt klingt hier aber nichts. Im Gegenteil, "Microcastle / Weird Era Continued" markiert 2008 und ist eine Platte des Jahres!
(Jan Riepe)
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7.11.2008: Little Joy – Little Joy

Albert Hammond jr. hat zwei Soloalben aufgenommen in der Pause der Strokes nach „First Impressions of Earth“. Er präsentiert sich als eigenständiger Künstler, der gar nicht so wütend ist und durchaus nette Folk-Rock-Songs schreiben und singen kann. Chef Julian Casablancas hat währenddessen Schuhe verkauft (Converse, in einer Fernsehwerbung) und der Rest der Band war hauptsächlich im Urlaub.
So auch Schlagzeuger Fabrizio Moretti, der viel in seiner Heimat Brasilien herumgereist ist. Nach Ende seiner Liaison mit Drew Barrymore ist er mit Binki Shapiro zusammengekommen, die auch gut aussieht, außerdem Instrumente spielt und ein bisschen Design macht. Mit ihr und Landsmann Rodrigo Amarante – den er aber woanders auf einem Festival kennengelernt hat – trifft er sich in Los Angeles desöfteren in der Bar Little Joy auf einen Cocktail. Weil Amarante und Moretti beide unter anderem schon mit Devendra Banhart gespielt haben, machen auch die drei irgendwann ein paar Aufnahmen zusammen und nennen sich Little Joy.
Die Songs stammen überwiegend aus gemeinsamer Feder. Oft singt Amarante, teils Shapiro, manchmal auch Moretti; die jeweils anderen summen üblicherweise im Hintergrund Harmonien oder singen direkt mit. Meistens weniger als drei Minuten lang, in Skizzen aus Folk und Pop mit viel Raumakustik, die weit weg sind von der Gezwungenheit des Hier und Jetzt, auch wenn man die Strokes heraushören kann. Wenn die so vielstimmig in Bandstruktur und Gesang wären, könnten sie auch mal wieder so ein erfrischendes Album machen.
(René Finken)
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